Der magische Spiegel
- ankethihatmer
- 3. Juni
- 1 Min. Lesezeit

Als Kind stand Mira oft vor einem alten Spiegel auf dem Dachboden ihrer Großmutter. Doch dieser Spiegel war seltsam. Jedes Mal, wenn sie hineinsah, zeigte er ihr jemand anderen.
Mal sah sie eine Malerin mit farbverschmierten Händen, mal eine Reisende auf einem Schiff im Sturm. Ein anderes Mal blickte ihr eine Wissenschaftlerin entgegen, vertieft in Sterne und Formeln. Dann wieder eine Tänzerin, die sich leicht wie der Wind bewegte.
Jahre vergingen. Mira versuchte herauszufinden, welche dieser Gestalten sie wirklich war. Sie lernte, scheiterte, begann neu. Sie wechselte Wege, Träume und Ziele. Doch mit jeder Entscheidung schien eine andere Möglichkeit zu verschwinden.
Eines Tages kehrte sie auf den Dachboden zurück. Der Spiegel war von Staub bedeckt. Als sie hineinsah, erkannte sie zum ersten Mal ihr eigenes Gesicht.
„Welche von ihnen bin ich nun?“, fragte sie leise.
Der Spiegel antwortete nicht. Doch plötzlich verstand sie.
Die Malerin war nicht verschwunden. Die Reisende auch nicht. Die Wissenschaftlerin, die Tänzerin und all die anderen lebten noch immer in ihr – als Erfahrungen, Sehnsüchte, Talente und Möglichkeiten.
Sie musste sich nicht für eine einzige Gestalt entscheiden.
Denn jede Rolle, die sie jemals bewundert hatte, war nur ein anderer Ausdruck desselben Wesens, das sie schon immer gewesen war.
Und mit diesem Gedanken verließ Mira den Dachboden, nicht auf der Suche nach sich selbst, sondern bereit, sich immer wieder neu zu entfalten.
In diesem Sinne,
kristallene Grüße eure Anke




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